haben diejenigen, die am Samstag den Störfall-Flashmob in München mitgemacht haben.
11.45 Uhr
Auf dem Marienplatz geht alles seinen gewohnten Gang. Weihnachtsmarkt, Einkaufs-Advents-Samstag. Die Massen schieben sich zwischen den Buden, quillen aus den U-und S-Bahnhöfen, gehen dem ungezügelten Konsum nach. Ich stehe am Fischbrunnen, bin verabredet, warte auf meine Königin und beobachte das Treiben. Ich bin nicht der einzige Beobachter der Szenerie. Unauffällige Männer und Frauen stehen scheinbar unbeteiligt rund um den Fischbrunnen. Ihre Augen verraten sie. Aufmerksam beobachten sie die Menschen, taxieren Ankömmlinge, die sich um den Fischbrunnen herum postieren und immer wieder auf die Uhr an der Treppe schauen. Verstohlen blicken sie um sich, die Bürger, einige haben zusammengerollte DinA4-Blätter in der Hand.
11.52 Uhr
Aus dem Rathaus kommen zwei Polizisten in Uniform. Kurze Besprechung mit einem der Zivilen. Ein Passant spricht die Gruppe an. Der Blick des Zivilen verrät die Anspannung. Doch der Mann will nur eine Auskunft, wo er eine bestimmte Lokalität findet.
Ein Fotograf trifft ein und schaut sich suchend um. Wo sind sie denn, die Flashmobber? Was wird passieren?
11.56 Uhr
Mehr und mehr Menschen stehen scheinbar unbekümmert am Fischbrunnen. Die Masse spürt das nicht. Die Masse konsumiert, keine Zeit für den Nebenmann, den Gegenüber. Sie sind zu beschäftigt mit sich selbst, ihren Tüten, Kisten, Würstchen in der Semmel, ihrer Gier nach Schnäppchen.
11.58 Uhr
Mehrere Menschen sinken zu Boden und legen sich das mitgebrachte DinA4-Blatt mit dem Atomzeichen auf den Körper. Die Masse reagiert erst gar nicht, dann verwundert, die meisten gehen aber achtlos weiter. Der Zivile von vorhin, wohl der Einsatzleiter, läuft zwischen den am Boden Liegenden und zählt durch. Es sind nicht viele, ich zähle 15 Personen, kann mich aber auch irren. Mehrere Zivile postieren sich strategisch. Irgendetwas wird passieren. Aber was? Der suchende Blick eines der Zivilen klärt die Frage. Er schaut auf den Eingang des Rathauses. Von dort werden sie kommen.
12.00 Uhr
Die am Boden Liegenden stehen wieder auf, lassen ihre Atomzeichen liegen und wollen schnell wieder in der Menge untertauchen. Doch sie sind schneller als die Polizei erlaubt. Aus dem Rathaus kommen Uniformierte, fast zwei Dutzend, halten die Bürger auf und fordern die Personalien. Nicht drohend, aber bestimmt. Die Bürger geben bereitwillig ihre Personalien bzw. Ausweise. Ich höre Wortfetzen, wie: “Ach sie sind Mediziner?” und auch “Warum machen sie das hier?” Die Zivilen sind verteilt und beobachten die Szene. Auch ich werde kurzfristig ins Visier genommen, doch da ich mich nicht beteiligt habe, gibt es keinen Grund, mich anzusprechen.
12.15 Uhr
Die Überprüfung und Aufnahme der Personalien ist weitgehend abgeschlossen, vereinzelt finden Gespräche zwischen Bürgern und Polizisten statt. Ich erhalte einen Anruf der Königin, sie schafft es nicht rechtzeitig zu unserer Verabredung. Es gibt keine Grund für mich, weiter zu warten und ich fahre wieder heim.
Sonntag abend 19:00 Uhr
Was mir seitdem durch den Kopf geht, ist zwiespältig. Einerseits haben nach dem Grundgesetz alle Deutschen das Recht, sich friedlich und ohne Waffen unter freiem Himmel zu versammeln. Wenn sie allerdings eine politische Botschaft haben, ist das anmeldepflichtig. Eine politische Demonstration braucht Ordner, auch das weiss ich. Dass es allerdings in unserem Land schon so weit ist, dass ein gutes Dutzend Bürger, die sich spontan entschieden haben, mit einem Atomzeichen für zwei Minuten im öffentlichen Raum auf dem Boden zu liegen, anschliessend kontrolliert werden und ihre Daten aufgenommen werden, macht mir Sorgen. Sicher, die Politik Bayerns sorgt dafür, dass ich wahrscheinlich eher unbeschadet durchs Leben komme als in anderen Bundesländern. Trotzdem behagten und behagen mir diese Bilder vom Samstag überhaupt nicht.
Der Störfall-Flashmob war über Twitter und andere Dienste verbreitet worden. Das Ziel, gegen die offensichtlichen Gefahren der Atomkraft eine Ausdrucksform zu finden, ist ein hehres Ziel. Asse und viele andere Probleme in und rund um die Atomkraft haben mich mittlerweile davon überzeugt, dass wir uns einem schnellstmöglichen Ausstieg nicht verschliessen dürfen. Es ist eine politische Aussage, die in einem freien und demokratischen System ohne Angst vor Repression oder negativen Folgen getroffen werden darf. Egal in welcher Form und mit friedlichen Mitteln.
Was ich mich frage: Was passiert mit den Personalien der Bürger, die von der Polizei aufgenommen wurde? Welcher Liste werden sie zugefügt? Was passiert mit den Daten? Erhalten die Bürger Auskunft darüber, was mit Ihren Daten passiert? Werden die Daten wieder gelöscht, denn offensichtlich haben sie sich keiner Straftat schuldig gemacht? Oder gibt es mittlerweile irgendeinen Paragrafen, den man auf diesen politischen und sozialen Aktionismus zum Nachteil der Bürger anwenden kann?
Fragen über Fragen! Ich werde mir den Stoerfall nächste Woche wieder anschauen. Und ich wette, dass man beim nächsten Mal meine Daten auch aufnehmen wird. Was macht die Polizei, wenn der halbe Marienplatz zu Boden sinkt, weil immer mehr Menschen dem Aufruf folgen? Ich rufe nicht dazu auf, aber ich frage mich, was langsam aber sicher mit unserer Demokratie und Meinungsfreiheit passiert. Wird irgendwann der Marienplatz umstellt? Werden dann Ein- und Auslasskontrollen durchgeführt? Ist der öffentliche Raum nur dazu da, den Verkehr und den Konsum zu sichern. Die Königin sagte heute zu mir: “Du wirst irgendwann noch ein ganz lieberaler Linker!” Darüber denkt ich jetzt mal nach. Darüber und über die Aktion, die da am Samstag lief. Aus anderen Städten hab ich von Polizeikontrollen nichts gehört. Aber in Bayern gehen die Uhren ja auch anders!
Die Menschen in München, die an dieser Aktion teilgenommen haben, haben zwei Minuten Freude erlebt. Freude darüber, an einer konspirativen und coolen Aktion, einem Flashmob teilzunehmen. Sie strahlten, als sie aufstanden und wieder in ihr normales Leben zurück wollten. Doch die Kontrolle durch die Ordnungsmacht hat sie ihr Strahlen verlieren lassen. Sie haben ausgestrahlt. Ich kann nur vermuten, welche Sorgen sie jetzt haben. Aber ihr Leben ist anders als vorher. Sie sind jetzt staatlich kontrollierte Polit-Aktivisten. Ich hoffe, es werden noch mehr, viel mehr. Aber ich rufe nicht dazu auf!
Tags: Atomkraft, Fischbrunnen, Flasmob, M?nchen, Marienplatz, Störfall
1. Mitmach-Krimi 2.0
[...] This post was mentioned on Twitter by Michael Jäger, Michael Jäger. Michael Jäger said: Ausgestrahlt in München: http://tinyurl.com/ygoc7nf Teilnehmer vom Flashmob werden durch Polizeikräfte überwacht und kontrolliert. [...]
Hallo, Michael,
zum Thema “Datensammelwut” hab ich am eigenen Leib erfahren dürfen, wie schnell man da in irgendwelchen Polizeidateien landen kann – und wie schlampig man es dort mit dem Datenschutz hält. Geschehen in unserer beider Heimat, der schönen Pfalz (im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Rheinpfalz). Wenn’s Dich interessiert: http://www.squarerigger.de/htm.....lizeistaat
Gruß aus KL
Alexander
Ich war auch dort, allerdings um kurz nach zwölf. Allein mein Interesse was dort abgeht hat schon gereicht meine Personalien einzufordern. Da aber auf meine direkte Frage womit die Herren der Polizei das begründen von ihnen nicht beantwortet werden konnte, da sie einfach nur “den Vorgaben der P11 Folge leisten”, hat man “freundlicherweise” davon abgesehen. Grosse Nachdenklichkeit. Besonders dann danach die Menschen im ferngesteuerten Weihnachtseinkaufswahn zu sehen war dann noch bizarrer, als es ohnehin schon ist. Denke es ist an der Zeit nicht mehr alles einfach hinzunehmen.
Schade, dass ich nicht in M lebe, ich würde das nächste Mal auch dabei sein! Kann es sein, dass man in den Flashmops allmählich eine unkontrollierbare (zivil & friedlich) Widerstandsbewegung und damit eine Bedrohung sieht? Wahrscheinlich befürchtet man Konsequenzen wie aus den YEAHH-Flashmops im Herbst dieses Jahres….