… machts dem Kämpferherz schwer.

Auf der Kreis- und Landesebene scheinen die Damen und Herren noch ganz vernünftig zu sein. Und das Herz das schlägt ohne Fehl und Tadel. Ob am Stammtisch oder bei Veranstaltungen: Vor denen, die von da kommen, wo man auch herkommt, kann man laut reden und für seine Einstellung und Werte Applaus ernten. Böse Zungen behaupten, man rede dort unten leichter, weil man dem Volk nochso gut aufs Maul schauen kann.

Sitzen sie oben (im Bundestag) wird ihnen erklärt, wie sie hier in der Hauptstadt sich zu verhalten hätten (ruhig, Puls runterfahren), wo ihr Platz sei (hinten anstellen) und wann sie reden dürften (wenn sie wieder im Wahlkreis sind, wir machen das hier schon), wenn sie hier was erreichen (bleiben) wollen.

Da lernt er Demut vor der Parteispitze. Da wird der Pulsschlag langsamer. Da muss man Mehrheiten suchen, lernt der Nachwuchs, da prescht nur der Vorsitzende mit kalkulierten Provokationen vor und der Nachwuchs sekundiert nickend im Hintergrund.

Wo sind sie, die im Heimatwahlkreis so schön sprechen von den interessanten Begegnungen in Berlin?

Wo sind sie, die zum Empfang des Kreisverbands von hohen und ehrenwerten Zielen sprechen?

Wo sind sie, die seit Jahren ehrenamtlich für den Wahlkreiskandidaten arbeiten, um eines Tages mit ihm nach Berlin zu ziehen, versorgt zu sein mit einem Posten in der Poststelle des Büros (dem Schreibtisch in der Ecke)?

Sie sind unter uns, aber seit sie in Berlin sind, haben sie keine Zeit mehr für uns unten. Denn sie sind so wahnsinnig unter Druck, müssen ausloten, lavieren, können noch nicht drüber sprechen, weil noch kein Konsens innerhalb der Fraktion gefunden wurde.

Und schwupps, haben sie alles über Bord geworfen, für das wir sie gewählt haben. Nix laut und sicher, leise und duckmäuserisch schleichen sie sich aus dem Bundestag (dem sicheren neuen Heimathafen), ganz beschäftigt mit dem Handy hantierend, nicht links und rechts schauend hetzen sie nach der Sitzungswoche ins bereitgestellte Auto (nur nicht rausschauen, kein Volk bitte, ich hab Wichtiges zu tun) und sind unangreifbar.

Ab und zu mal nen Tweet, wenn sie es denn beherrschen: “Kuckmal, das bin ich mit dem Parteichef, hinten rechts sieht man die Kanzlerin. Bild angehängt, gerne RT. #MeinePartei+” Beherrschen sie es nicht, stellen sie jemand an, der jemand kennt, der sowas gegen Geld ganz gut macht.
Aber im Netz werden ihre Worte gespeichert, ihnen wieder unter die Nase gerieben, Forderungen nach Einlösung der Versprechen gestellt. Das Netz. Das böse böse Netz mit all den Bloggern und Schreiberlingen, die meinen, sie hätten die Weisheit mit Löffeln gefressen.

“Wir würden ja gern, aber wir können noch nicht, und die anderen mit der guten Idee, die dürfen wir doch nicht unterstützen, also aus Prinzip schon nicht.”

Aber uns da unten die Solidargemeinschaft predigen. Sie könnten ja mal selber solidarische Entscheidungen da oben klarmachen. Was in Arbeitskreisen funktioniert, wird ja wohl in Ausschüssen auch klappen. Aber die Politik, sie ist halt anders in der Hauptstadt, gell?! Da schlägt das Herz langsamer.

Daheim im Wahlkreis aber, unter denen, die immer da sind, weil sie glauben, ihr Mann in Berlin ist nur für sie da, da schlägts dann wieder schneller. Denn daheim freut man sich, Geschichten aus der fernen grossen Stadt zu hören. Der Vortrag, gewürzt mit einigen Anekdoten, verfehlt die Wirkung nicht. Man weiss schliesslich, wie sie hier schlagen, die Herzen.
“Es ist halt schwer in der Politik, gell, aber wir kämpfen. Man erreicht eben nicht alles, was man sich so vorgenommen hat, gell, aber wir kämpfen. Nichts für ungut, wir könnten noch Stunden über dies und jenes Thema reden, aber sie werden sicher verstehen, dass meine Frau auch noch ihr Recht will. Nächstes Mal spricht der Kollege über den hochspannenden Ausschuss zur Verringerung der Bürokratie. Schönen Abend noch.”

Schwupp, weg ist er wieder.

Ernüchterung aus diesen Zeilen? Nee, ich tendiere langsam eher zum Zorn! Und mein Herz rast.

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2 Comments to “Der Pulsschlag der Hauptstadt …”

  1. Matthias Noortwijck sagt:

    Klingt nach einem Erfahrungsbericht und den daraus folgenden Erkenntnissen und dem unsanften laden auf dem Boden der (leider) realen (Berliner) Politikwelt. Der Zorn ist mehr als berechtigt!

  2. Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by MichaelJaegerTV: Das Herz klopft immer fester, es tut schon weh: http://bit.ly/9jc7qC...

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