… aber gestern abend ist sie richtig böse geworden.
“Herr Jäger, Herr Jäger,” schallt es über die Strasse. Ich bin grade dabei, mit der Königin das Haus zu verlassen. Die Arbeit ruft und ich hab eigentlich keine Zeit. Aber die Frau Huber macht einen ganz verstörten Eindruck und so sag ich der Königin, dass ich nachkomme und geh zur Frau Huber rüber. Sie steht da im strömenden Regen mit so einem Plastiküberzug, wie ihn die alten Leute haben, um sich gegen den Regen zu schützen.
Die Frau Huber muss ja morgens mit dem Fritzi raus, aber normalerweise ist sie schon lange wieder im Haus um die Zeit, wenn ich auf die Strasse gehe. Aber heute ist der Fritzi gar nicht dabei. Es wird doch nix passiert sein mit dem armen Tier. Ist ja schon ein paar Jährchen alt, der Fritzi und da kann man ja schon mal damit rechnen, dass er es nicht mehr geschafft hat, wachzuwerden.
“Guten Morgen Frau Huber, was ist denn passiert?” frage ich beunruhigt. “Ist was mit dem Fritzi? Wo ist er denn?”
Doch die Frau Huber schüttelt den Kopf: “Nein Herr Jäger, dem Fritzi gehts gut, der iss daheim, der Fritzi, der regt sich immer so auf, wenn ich mich aufreg, und ich reg mich schon die ganze Nacht auf, nicht schlafen können hab ich heut nacht, ganz unruhig war ich.”
“Um Gottes Willen, Frau Huber, was ist denn passiert, sie haben ja den Morgenrock noch an, was stehn sie denn hier auf der Strasse und sind ganz aufgeregt?”
Die Frau Huber zieht mich zur Haustür. “Herr Jäger, tuns mer den Gfallen und kommens auf an Kaffee rauf zu mir. Ich muss mal mit Ihnen reden, so ganz unter uns.” Acht Minuten später sitz ich am Küchentisch, streichele über die Wachstischdecke und bekomm von der Frau Huber einen Instant-Kaffee serviert. Sie hat noch so einen Wasserkocher mit Pfeife, den hör ich manchmal, hab mich aber immer gewundert, wo das Pfeifen herkam.
Andächtig rührt die Frau Huber in ihrem Kaffee. Ich brenn ja drauf, zu erfahren, was denn so wichtig ist und ausserdem muss ich in die Praxis, und so bin ich etwas unter Druck. “Frau Huber, was ist denn los? Ist jemand gestorben?”
Fritzi ist auf jeden Fall nicht gestorben, der liegt auf einem knallgrünen (zumindest kann man erkennen, dass es mal knallgrün war) Häkelkissen und schaut die Steckdose an. In der Steckdose ist ein Kinderschutz drin, so eine Kappe mit einem Loch. Fürsorglich ist sie ja, die Frau Huber. Nicht dass der arme Fritzi da die Nase reinsteckt.
“Herr Jäger, ich hab gestern abend Fernsehen gschaut, wie jeden Abend. Ich bin ja schon alt und ausgehn tu ich ja nimmer, was soll ne alte Frau wie ich noch auf der Strass, wenns dunkel ist. Also, ich hab also Fernsehen gschaut. Ein Film über die Bismarck, mein Bruder war auf dem Schiff damals, und deswegen hab ich des gschaut.”
Daher weht der Wind, sie hat nen Film über den Krieg gesehn und da hat sie die Erinnerung überrannt und sie konnte nicht schlafen. Für die Geschichte hab ich jetzt aber echt keine Zeit, suche also nach einem höflichen Ausstieg.
“Frau Huber, das ist doch Jahre her, das ist doch vorbei, da müssen sie doch nicht mehr traurig sein” versuche ich zu beschwichtigen.
“Ach der Krieg, der interessiert mich doch nimmer, des wars doch gar ned, Herr Jäger, ich bin ja sogar eingschlafen dabei.”
Jetzt weiss ich auch, warum gestern noch so spät Licht brannte bei ihr, als ich die letzte Runde mit den Hunden machte.
“Ja, aber wo ist dann das Problem?” frag ich, und ich glaub, jetzt hab ich dieses Gesicht wie in der Schule, wenn der Deutschlehrer fragte, was uns der Autor mit der Geschichte sagen will.
“Wachgwordn bin ich Herr Jäger, und da wollt ich umschalten, aber dann iss der Fritzi auf der Fernbedienung eingschlafen wesen und da hab ich halt des gschaut, was grad lief. Und da war eine Sendung, wie heisst jetzt die glei wieder.. Eiche… Buche…. Linde, Linde genau, Unter der Linde wars. Des hab ich schon öfter gsehn, Herr Jäger, des iss eigentlich immer ganz nett. Aber gestern, Herr Jäger, des war ned schön, neeneenee.”
Aha, denk ich mir, jetzt krieg ich Ärger, weil sie denkt bestimmt, ich bin auch ein Pirat.
“Herr Jäger, ich hab mein Lebtag ein anständigs Leben geführt, ich bin nie bei Rot über die Ampel, nie einen Kaugummi klaut hab ich, Herr Jäger, immer brav und anständig gwesen. Mein Mann, Gott hab ihn selig, den Herbert, der hätt den Fernseher gestern aus dem Fenster gschmissn. Sowas hab ich noch ned erlebt, Herr Jäger! Also, mein Mann, der Herbert, der hätt den Fernseher gnommen und hätt ihn aus dem Fenster gschmissn!”
Was sagt man einer Frau, die sich so aufgeregt hat, dass sie ne Nacht nicht schlafen konnte?
“Frau Huber, beruhigen Sie sich, wenn ich ghört hätt, dass Ihr Mann den Fernseher ausm Fenster geschmissen hätte, hätt ich meinen hinterhergeschmissen, allein schon aus Solidarität” mache ich den Versuch, die Stimmung etwas aufzuheitern.
“Ach Herr Jäger, des hätt er ja ned gmacht, aber gschimpft hätt er wie ein Rohrspatz, des sag ich Ihnen!”
Es ist also soweit, ich kriege die volle Breitseite der älteren Generation ab. Schweinskrambenutzer, Kriminelle und was alles so kommt, wenn man über die spricht, die sich gegen die Internetsperren wehren. Meine bisherigen Gespräche mit der Frau Huber sind Makulatur, die Frau hält mir ne Standpauke, bekommt anschliessend nen Herzinfarkt, sagt mir im Sterben, dass ich an allem schuld sei und das wars.
“Herr Jäger, eins sag ich Ihnen. Dieser junge Mann, dieser Pirat, der Chef oder was der war, der kam ja überhaupt nicht zu Wort. Die zwei Alten ham denn ja dauernd unterbrochen. Des war doch kein Gespräch, Herr Jäger, des war doch keine Diskussion, des war doch ein Verhör, die ham den doch vorgführt, den jungen Mann. Ei man muss sich ja schämen für seine Generation, sowas hab ich noch ned erlebt, Herr Jäger, sowas hab ich noch ned erlebt! Der junge Mann, ein ganz ein bescheidener junger anständiger Mann, selbst a Krawattn had er anghabt. Der Moderator, der hat keine anghabt. Und die zwei alten Deppen, jetzt muss ichs wirklich amal sagn, die zwei alten Deppen, Herr Jäger, normal red ich so ned, aber wenn man sich so verhält wie die zwei alten Deppen, dann gehörts denen ned anders. Neeneenee, ich hoff, dass denen mal des alles erklärt wird, wie des ist, so wie sie des mir erklärt ham. Die ham doch nur auf den armen Kerl eingeprügelt, des war ned schön, Herr Jäger, und weil die sich so verhalten ham, und, gell, man hat doch gar ned mehr kapiert, um was es da eigentlich geht, die sind ja von einem Thema zum anderen ghupft, die wollten den ja nur vorführen. Und da hab ich mich so geschämt heut nacht für meine Generation, und so aufgregt, da konnt ich nicht schlafen und des wollt ich ihnen heut sagen, Herr Jäger, weil sie verstehn des, gell, Herr Jäger, sie verstehn mich? Wolln Sie noch an Kaffee, Herr Jäger?”
“Nein, einen Kaffee möcht ich nicht mehr, danke, ich muss ja auch los jetzt, aber ich versteh Sie, Frau Huber, ich versteh Sie nur zu gut! Übrigens, nur im Analogen kann man ständig dazwischen quatschen, im Digitalen geht das nicht. Da redet erst der eine, und dann der andere!”
“Ja des wär gestern abend besser gwesen, Herr Jäger, da hätt ich mich ned so aufgregt. Das diese alten Deppen sich immer so wehren, wenn was Neues kommt. Wu ich herkomm, Herr Jäger, (da wars ja endlich wieder) meine Urgroßeltern, die ham an Bauernof ghabt, und wie mein Vater was gändert hat, ach, was war des ein Theater, als die erste Melkmaschine kommen ist, Herr Jäger, die Alten wehrn sich immer gegen Neues, aber des iss halt so, gell?!”
Ach, die Frau Huber, ich möcht sie drücken.
1. Mitmach-Krimi 2.0
Haben Sie ein Diktiergerät dabei? Ich könnte mir das wahrscheinlich alles gar nicht merken *lol*. Zu voll mit Input im “oberen Datenspeicher”.
Nein, ein Diktiergerät hab ich nicht dabei, die Frau Huber, die wiederholt ja gern mal, was sie gesagt hat, und ich kann mir Sachen ziemlich gut merken
so ist das mit den Hubers, sie wrken unscheinbar ein wenig einfältig gar und sehen die Welt manchmal anders als erwartet
… ich bin allerdings weder verwandt noch verschwägert
Hach, drück sie doch auch mal von mir bitte, die Frau Huber! Die ist ja ein Unikat.
Nein Herr Huber, von Ihnen hat sie nie gesprochen
Aber Sie sind doch der Herr Huber, der den Erklärbär für Internetsperren entwickelt hat, oder?
Super erklärt, einfach, so verstehts auch die Frau Huber
Ich werds ihr ausrichten
Aber ise ist ne ganz normale Frau, ne einfache normale Frau, davon gibts Millionen
Hehe, sehr gut
Nichts ist erschütternder als die Wahrheit, wenn man sie denn sehen will
Zensurlinks 22.06….
Michael Jäger: Offener Brief an den Bundespräsidenten (Auch der Rest der Webseite ist lesenswert)
Glasdemokratie: Man übt noch (Karrikatur von Klaus Stuttmann)
Der Auftritt des Vorsitzenden der Piratenpartei, Dirk Hillbrecht, in der Ta….
[...] Bitte lest euch die nachfolgenden Beiträge durch und macht euch selbst ein Bild darüber: http://www.michaeljaeger.tv/fr.....etsperren/ http://www.michaeljaeger.tv/di.....lerspiele/ http://www.michaeljaeger.tv/di.....n-phoenix/ [...]
Ich glaub ich kann mich dem Schlusssatz nur anschließen.
Ach, die Frau Huber, ich möcht sie drücken.
Ich hoffe die Redaktion des Kreuzverhörs wurde auch auf Frau Hubers Meinung hingewiesen.
Ich glaub, die Frau Huber war so aufgeregt, dass ie daran nicht gedacht hat. Aber ich bin sicher die Frau Huber würde den beiden Herren hanz schön die Meinung sagen
[...] nur für Internetsperren und „Killerspiele“, nein sie hat sogar durch Zufall die gestrige „Unter den Linden“ Sendung gesehen. Wenn selbst Frau Huber uns versteht, dann können wir noch hoffen. Wie ich [...]
Jetzt im Ernst? So ganz im Ernst? Ich glaub’s ja nicht… halt. Doch, ich glaub’s.
Schöner Eintrag, richte der guten Frau von mir einen schönen Gruß aus, auch wenn wir uns nie sehen werden hat sie meine vollste Bewunderung.
Hab im Twitterland nachgefrat und da haben alle gesagt, ich soll ihr sagen, dass ich über sie schreib, mach ich morgen