… und nicht dieses überaus falsche und erniedrigende von aller Welt genutzte Wort Kinderpornografie!!!

Ich hoffe, dass dies endlich in den offiziellen Sprachgebrauch eingeht! Kinderpornografie ist eine weitere Ohrfeige für Opfer und Überlebende des Missbrauchs!

Gestern abend war ich beim Stammtisch der FDP-München-West. Einmal im Monat treffen sich Mitglieder und interessierte Bürger sind eingeladen, daran teilzunehmen. Ich gehe relativ regelmässig dort hin. Gestern abend war der Bundestagsabgeordnete Jimmy Schulz zu Gast. Wir hatten uns schon mal kurz kennengelernt auf der Demo “Löschen statt Sperren” in München, auf der wir beide jeweils eine kurze Rede hielten.

Damals auf der Demo benutzte auch ich das Wort Kinderpornografie. Weil es eben schon durch die Medien als Synonym für das Thema besetzt wurde. Aber schon damals war mir nicht wohl dabei und jedesmal, wenn ich das Wort lese oder höre, könnte ich, um es klar und offen zu formulieren, kotzen!

Jimmy Schulz sprach gestern über das Thema Datenschutz, und da ging es neben SWIFT, was einhundert eigene Posts wert wäre, eben auch um die unsägliche Geschichte des Versuchs, eine Zensur-Infrastruktur in Deutschland einzuführen. Es waren leider nur 11 Mitglieder und Bürger bei dem Stammtisch, was aber die Runde sehr eng zusammensitzen liess. Als ich innerhalb einer Minute des Vortrtags von Jimmy Schulz dreimal das Wort Kinderpornografie hörte, musste ich dazischengehen. Ich habe ja schon mehrmals von meinen eigenen Erfahrungen berichtet, sowohl in meinem Buch, als auch auf Veranstaltungen und in Interviews. Aber wenn man so nah zusammensitzt, ist das Wort Kinderpornografie jedesmal wie ein weiterer Schlag ins Gesicht.

Den Begriff Kinderpornografie zu benutzen, um die auf Video dokumenterten Gräueltaten an Kindern und Jugendlichen zu bezeichnen, ist absolut falsch. Denn Pornografie setzt nach allgemeiner Auffassung voraus, dass alle Beteiligten damit einverstanden sind. Ich hatte schon mal darüber gebloggt, aber es muss einfach noch mal gesagt werden.

Kinder und Jugendliche, die durch Gewalt, Abhängigkeiten irgendwelcher Art, oder auch Alkohol oder Drogen gefügig gemacht wurden, um Sexualstraftätern widerwärtigste Bedürfnisse zu erfüllen, sind niemals damit einverstanden. Sie haben aber keine Chance, sich zu wehren und werden nur als Objekt benutzt, gebraucht, und damit missbraucht. Wenn davon also Bild- oder Videomaterial angefertigt wird, ist das nichts anderes als dokumenterter Kindesmissbrauch.

In diesem Fall von Kinderpornografie zu sprechen, ist ein erneuter Missbrauch der bereits genug geschädigten Seelen der Kinder und Jugendlichen, die dieses Martyrium überlebt haben (Überlebende) oder noch viel schlimmer, die diesen Missbrauch nicht überlebt haben (Opfer).

Dass angebliche Opferverbände, in deren Reihen selten Opfer bzw. Überlebende zu finden sind, ebenfalls nicht in der Lage sind, die Dinge beim Namen zu nennen, ist erschreckend. Oder vielleicht verständlich, haben sie doch keine Ahnung, von was sie eigentlich reden.

Diesen Eindruck, nämlich keine Ahnung zu haben, machten ja auch die Mitglieder des letzten Deutschen Bundestages, die sich auf sogenannte Experten verliessen, die völlig aus der Luft gegriffene Zahlen präsentierten, Länder in Verruf brachten, die sich nichts, aber auch gar nichts sich zu Schulden kommen liessen (z.B. das von Frau von der Leyen zitierte Indien), tagtäglich über ihre Presse-Verteiler Lügen, Halbwahrheiten und Vermutungen verbreiten liessen und doch schlicht und ergreifend einfach keine Ahnung hatten.

Und genau deswegen, weil sie eben keine Ahnung hatten, haben sie das Wort Kinderpornografie dann verkürzt auf Kinderporno und dann, um es nicht aussprechen zu müssen KIPO genannt. Wohl wissend, dass sie keine Ahnung haben, von was sie reden, aber irgendwie sich doch nicht so wohl fühlten dabei. Immer mehr geben es ja mittlerweile wenigstens zu.

Jimmy Schulz hat nach meinem Einwand und der dringlichen Bitte, für diese Taten die Worte “dokumentierter Missbrauch” zu benutzen, dies getan und damit auch bei den Zuhörern ein Umdenken bewirkt, wie ich das in den Gesprächen im Nachhinein bestätigt bekam. Ich glaube, er wird sich der Wortwahl in Zukunft bewusster und hoffentlich in den Bundestag und damit in die öffentliche Wahrnehmung tragen.

Es ist keine Kinderpornografie, es ist der dokumentierte Missbrauch von unschuldigen Kindern und Jugendlichen!

Ich hoffe, diese Einsicht wird sich weiter fortsetzen und wir werden irgendwann nicht mehr von Pornografie reden, wenn wir darüber sprechen, dass Kinder und Jugendliche für sexuelle Abartigkeiten missbraucht wurden und immer noch werden. Ich hoffe, wir schaffen es, eine Akzeptanz dafür in der breiten Masse zu erhalten. Denn immer noch werden Opfer und Überlebende mit dem Makel besetzt, es wohl irgendwie auch gewollt zu haben.

Wer das nicht erlebt hat, soll froh sein, dass er es nicht erlebt hat und einfach mal die Klappe halten, bevor er Mundstuhl bekommt.

Tags:

17 Comments to “Es muss dokumentierter Kindesmissbrauch heissen …”

  1. [...] This post was mentioned on Twitter by Michael Jäger and miss anthropia, Christine U. Christine U said: RT @MichaelJaegerTV: Ich versuche, einen Begriff zu entlarven: http://tinyurl.com/yba4t92 #Kindesmissbrauch [...]

  2. Pfefferoni sagt:

    Ich gebe zu, mir über den Begriff “Kinderpornographie” selbst nie wirklich Gedanken gemacht zu haben. Das hat sich gerade geändert. Ich find deine Ausführung absolut richtig!

    Danke!

  3. Social comments and analytics for this post…

    This post was mentioned on Twitter by missAnthropia: RT @MichaelJaegerTV Ich versuche, einen Begriff zu entlarven: http://tinyurl.com/yba4t92 #Kindesmissbrauch…

  4. yeRainbow sagt:

    Kleiner Hinweis, logischerweise handelt es sich um
    “Dokumentationen von sexuellen Mißhandlungen an Minderjährigen”.

    Von Mißbrauch zu reden, ist auch daneben. Denn einen “sinnvollen Ge-Brauch”, wie das Wort suggeriert, kann ja keine REde sein – das ist undenkbar.
    Hingegen das (im anglo-Sprachgebrauch) inzwischen etablierte Wort “Mißhandlung” bzw sexuelle Mißhandlung
    trifft die Sache schon ziemlich direkt.
    eine vernünftige “Behandlung” hat eigentlich jeder verdient, allerdings eben keine solche Mißhandlung. Ob dokumentiert oder nicht.

    also, unter den Psychologen jedenfalls spricht sich das langsam herum, da kann man hoffen, daß es irgendwann auch mal in der Normalrealität (oder was man dafür hält) ankommt.

    Bei dem Wort Mißbrauch jedenfalls dreht sich MIR regelmäßig der Magen um.
    So, mußte mal gesagt werden.
    Gern geschehen.

  5. Michael sagt:

    Ein nachdenkenswerter Ansatz. Der Begriff Missbrauch ist allerdings in der breiten Öffentlichkeit durchaus neativ besetzt und stellt sich bene nicht als Gegensatz zum Gebrauch dar. Auch das Gebrauchen von Unschuldigen zum Zwecke der eigenen Luststeigerung ist schon negativ besetzt. Meine Meinung. Aber lieber ist mir eine Diskussion über Misshandlung und Missbrauch als eine gedankenlose Nutzung des Begriffes Pornografie. Denn von diesem Wort müssen wir definitiv weg!

  6. [...] darf es auch nicht, solange Kinder missbraucht werden. Wichtig dabei ist aber auch die Wortwahl. Michael Jäger hat gerade einen interessanten Artikel üben den kleinen Unterschied geschrieben. Sollten sich [...]

  7. Tom sagt:

    Für mich ist Missbrauch sexuelle Misshandlung. Vielleicht wird auch dieses Wort falsch verwendet. yeRainbows Erklärung ist nachvollziehbar, auch wenn ich in diesem Fall nicht von Miss- auf Gebrauch rückschließen würde.
    Auf jeden Fall wissen wir was gemeint ist, und das gilt es zu verhindern.

  8. sandra sagt:

    ich hab mir noch nie wirklich gedanken gemacht über die wortwahl aber es leuchtet mir alles ein, wirklich toll geschrieben …vorallem auch so dass es menschen wie mir einleuchtet die vorallem was politik angeht nich immer soooo den durchblick haben (geb auch zu , manchmal ist es echt anstrengend alles verstehen zu müssen / wollen) …
    auch letzteren absatz find ich gut, passt ja auch auf viele andere themen die hier nich richtig laufen ;)

  9. …Sie machen hier einen guten Anfang, aber es handelt sich um sexuelle Verbrechens-BEWEIS-MATERIALIEN die hier in Umlauf gebracht werden von den Kinderschändern. Die sie ja alle sein müssen, um,
    1. auch beziehen zu können heißt es:
    “Was bietest du an, um dannach beziehen zu können d.h. das Passwort zu erhalten um zu diesen exklusiven von Akademikern angeführten Kindopfer-Pranger Plattformen von Kinderschändern betreten zu dürfen!

    Mit normalen nacht Fotos von Babys und Kleinkindern lockt man diese Kinderschänder nicht mehr an und bekommt man auch nichts!
    Sonst hätten die Fahnder ja ein ganz leichts Spiel, oder?
    Und dieses Thema gehört ordentlich diskutiert und auch die Bevölkerung darüber aufgeklärt!

  10. Michael sagt:

    Ich gebe Ihnen durchaus Recht. Das Problem ist, dass man heutzutage für ealles einen Begriff braucht und da ist mir die Ausssage dokumentierter Kindesmissbrauch immer noch am treffendsten und kurz genug, um angenommen zu werden.

  11. [...] « Robert's WeblogNachlese zum vierten deutschen IT-Gipfel « Blog zur IT-SicherheitEs muss dokumentierter Kindesmissbrauch heissen … /// Michael JägerRelated Posts:Virus sammelte Kinderpornografie am PCRückfallquote von [...]

  12. [...] Kindesmissbrauch heissen … | KirschfestSexueller Missbrauch: Norbert Denef – Ich wurde sexuell …Es muss dokumentierter Kindesmissbrauch heissen … /// Michael Jäger Category: Kinderpornografie, SMK  Tags: Kinderpornografie, Kindesmissbrauch  Comments [...]

  13. [...] Es muss dokumentierter Kindesmissbrauch heissen … /// Michael Jäger – 08.12.09 Begrifflichkeiten: "dokumentierter Kindesmissbrauch" bzw. "dokumentierter Missbrauch" vs. Kinderpornographie [...]

  14. Stephan sagt:

    Hi Michael,

    gewohnt gute Ausführungen.

    Danke dafür!

  15. Sonnenkicker sagt:

    Auch hatte zuvor nicht über den Gebrauch des Wortes nachgedacht. Aber du triffst es absolut auf den Punkt. Werde meinen Sprachgebrauch ändern.

  16. Michel sagt:

    Ich habe nichts dagegen, es “Dokumentierten Missbrauch” oder meinetwegen auch “Dokumentierte Misshandlung” zu nennen. Mit demselben Argument, mit dem aber “Missbrauch” als Benennung in Ordnung ist, obwohl es durchaus nicht eindeutig der sinnvollste Sprachgebrauch ist, kann man auch “Kinderpornographie” als Begriff zulassen. “Kinderpornographie” ist als Begriff eindeutig negativ belegt, sogar noch negativer als “Dokumentierter Missbrauch”. Der Begriff beinhaltet in seiner alltäglichen Benutzung meiner Meinung nach bereits den Unterschied zur (allgegenwärtigen) Erwachsenenpornographie und beinhaltet, zumindest in meinem Verständnis, keine Freiwilligkeit.

    Ansonsten bin ich aber sehr einverstanden mit Deinen Ausführungen zur mangelnden Information der Politiker des letzten Deutschen Bundestags. Vom jetzigen ganz zu schweigen.

  17. [...] Urheberrechtsdebatte Politiker die Notwendigkeit entdecken, Netzsperren gegen Kinderpornographie dokumentierten Kindesmissbrauch zu installieren, wo doch seit fast 20 Jahren das Thema immer mal wieder in den Medien [...]

Leave a Reply

You can use these tags: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>