… dass da was faul ist.
Heute hab ich endlich die Frau Huber besuchen können. Die arme Frau ist neulich vor der Haustür gestürzt und hat sich eine Schenkelhalsfraktur zugezogen. Unsereins nennt ja sowas Oberschenkelhalsbruch. Sie leidet sehr, die Frau Huber, aber sie hat Glück im Unglück, wie sie selber sagt.
Als ich heute nachmittag ihre Tür geöffnet hat, hab ich gedacht, ich träume. Die Frau Huber liegt im Bett und hat einen Laptop auf dem Bauch stehen. Ganz vertieft ist sie und konzentriert. Ab und an geht ihr rechter Zeigefinger im Adler-Suchsystem auf die Tastatur und sie tippt was drauf rum.
Als sie mich sieht, lächelt sie ganz glücklich und ruft, obwohl doch nur zwei Meter zwischen uns sind:
“Schauns, Herr Jäger, ich bin jetzt auch online, ich alte Schachtel hab doch tatsächlich noch gelernt, das Internet zu bedienen.”
Was meint sie denn mit “das Internet zu bedienen” denk ich so bei mir.
“Ja Frau Huber, was haben Sie denn geschafft, ich hab ja nur von ihrer Tochter gehört, dass Sie im Krankenhaus sind.”
“Ja, die Traudl, Herr Jäger, die hat den Fritzi gholt, weil ich kann ja nimmer mit ihm rausgehn jetzt. Der arme Fritzi, naja, aber er hat ja die Kinder zum Spielen, der werd des scho aushaltn. Aber jetzt schauns amal her, was ich schon kann.”
Ganz stolz klopft die Frau Huber auf die freie Stelle am Bettrand, wo ich mich hinsetzen soll. Dann hebt sie bedeutungsschwer den rechten Zeigefinger in die Luft, schaut mich an und senkt ihn langsam ab. Ganz bedächtig sehe ich den Mauszeiger über den Bildschirm wandern und oben in der Tableiste klickt die Frau Huber die verschiedenen Tabs an.
“Schauns, Herr Jäger, ich bin jetzt auch eine Netzaffige.”
Sie meint wohl Netzaffine, aber ich behalt das mal für mich.
“Ja, Frau Huber, das ist ja der Wahnsinn, sie sind ja toll”
Aber Lob will die Frau Huber gar nicht hören.
“Wahnsinn ist des richtige Wort, Herr Jäger, absoluter Wahnsinn sozumsagn. Ich frag mich, was die mir jahrelang erzählt ham in der Zeitung. Weil des meiste hams wohl weglassen. Des Intressante hams ned gschriebm. Weil des, was ich alles hier lese, des hab ich vorher ned gwusst, Herr Jäger.”
Ich bin ja doch etwas erstaunt über die alte Dame. Und ich wunder mich natürlich, was sie denn meint, und vor allem, wie in aller Welt sie an einen Laptop kommt. Die Frage ist leicht beantwortet. Die Tür geht auf und eine junge Dame auf Krücken betritt das Krankenzimmer. Der Bademantel könnte schon dem Opa gehört haben, oder er hat ihn ihr ausgeliehen. Naja, und die Frisur wird dem Opa nicht so gefallen haben. Bunt und hier und da kurz und lange Strähnen reingeflochten. Und das Nasenpiercing wird der Opa auch nicht so gut finden, denk ich mal. Aber hübsch ist sie, die junge Dame. Ich schätze sie mal auf 25 Jahre plusminus 1.
“Des ist die Sarah, Herr Jäger, des iss die, die mir geholfen hat, netzaffig zu werden! Und des iss auch der Läpptopp von der Sarah.”
So langsam versteh ich , dass die Frau Huber wirklich netzaffig meint und nicht netzaffin. Ganz begeistert scheint sie von dem Internet zu sein.
“Die Sarah, Herr Jäger, die lebt scho gaanz lang im Internet, die entwickelt da was. Seiten und sowas, gell Sarah?”
Sarah ist also eine Webdesignerin. Ich schüttle ihr die Hand und erzähle ihr, dass die Frau Huber meine Nachbarin ist und sogar auf der “Löschen statt Sperren” Demo war. Und das sie ganz interessiert ist immer, was so los ist.
“Herr Jäger, schauns her, zum Beispiel hier. Die Sarah hat mir gezeigt, wie ich bei dem Guugel-Örs was suchen kann und da hab ich ihr gezeigt, wu ich herkumm. Und da ham mir festgestellt, dass die Sarah gar nicht weit von unserm Dorf entfernt in die Schul gangen ist. Und so hamna mir uns kennengelernt. Und von Ihnen hab ich natürlich auch erzählt und dass sie über mich schreiben. Und ich hab alles durchglesen, was sie gschrieben ham, Herr Jäger. Also noch ned alles, aber über mich hab ich alles glesen.”
Nachdem sie immer noch mit mir spricht, kann es so schlimm nicht gewesen sein. Ich überlege, ob ich irgendetwas über sie geschrieben habe, was sie als Beleidigung auffassen könnte, aber eigentlich fällt mir nix ein. Dass sie alt, klein und kräftig ist, weiss sie selbst.
“Na Her Herr Jäger und jetzt les ich grad über die Piraten und was da los ist wegen dem Interview, was die der einen Zeitung da geben ham, dene Rechten, wies heisst. Und jetzt hauen alle auf denen rum. Auf einmal, Herr Jäger, zwei Wochen vor der Wahl hauns auf einmal auf denen rum.”
Grad will ich sagen, dass es aber auch zumindest ungeschickt war, ausgerechnet denen ein Interview zu geben, aber andererseits so eine junge Partei natürlich noch keine Politprofis haben kann und dass sich da schon mal der ein oder andere Fehler einschleicht. So krank scheint die Frau Huber gar nicht zu sein, ganz engagiert sagt sie:
“Wissens, an was mich des erinnnert? Bei uns im Dorf, da hats einen jungen Mann geben, der wollte in den Kreisrat, und der hat immer mit allen Leuten gesprochen, wollt wissen, was sie für Sorgen ham und wie sie sich des vrostellen, des Dorfleben, und der war immer fröhlich und nett. Und wies kurz vor der Kreistagswahl war, hats auf einmal am Stammtisch gheissen, dass er beim Müllerhof war und lang mit dem Müller gsprochen hat. Und der Müller, der war früher, also im Krieg, war der bei der Partei, wissens schon, ein Nazi halt und hat dann auch lang im Gefängnis gsessen nach dem Krieg. Irgendwie hat er danach nie wieder richtig Fuss gfasst im Dorf, draussen, am Rand vom Dorf hat er gwohnt, der Müller. Naja, wo war ich.. ach ja … und der junge Mann, der wollt halt mit allen Leuten reden vor der Wahl, egal wo sie herkommen. Und wie die des am Stammtisch erzählt ham und am nächsten Tag natürlich dann beim Bäcker und beim Metzger und bei der Gruberin, der alte Rätschtanten vom Frisörgeschäft, da hams auf einmal alle gsagt: Do schau hin, a Nazi werd er sei, a verkappter Nazi, den kannst ned wähln.”
Sarah und ich schauen uns an und wissen nicht recht, was wir sagen sollen.
“Herr Jäger, ich sag Ihnen was und Ihnen, Sarah, sag ich es auch!”
Mit erhobenenem Zeigefinger spricht die Frau Huber:
“Wenn die Alteingesessenen Angst kriegen, dann machens die jungen Leut mit frischen Ideen schlecht. Weils Angst ham vor Ihnen. Und wenn man einen Menschen schlecht machen will, dann sagt man über den Menschen, dass der ein Nazi ist oder der mit denen was zu tun haben könnt, das funktioniert ganz einfach. Da reagiern die Leut gleich mit einem grossen Geheul. Die sollen sich amal alle an der eigenen Nase fassen, was sie für Fehler gmacht haben in Ihrer Jugend. Des sag ich Ihnen. dass es immer noch Nazis gibt, des hat ja einen Grund. Da iss lang was falsch gmacht wordn, sonst wären die ja ned noch da!”
Ganz energisch und bestimmt schaut die Frau Huber zwischen Sarah und mir hin und her. Und der Zeigefinger, der ist immer noch hoch erhoben.
Tags: Frau Huber, Interview, Junge Freiheit, Nazis, Piraten, Sarah
1. Mitmach-Krimi 2.0
[...] This post was mentioned on Twitter by Michael Jäger. Michael Jäger said: Die #FrauHuber und der böse Verdacht: http://bit.ly/KZKAm #Piraten #Interview #JF [...]
Schöne Geschichte, gefällt mir.
Weisst Du, eigentlich wollt ich den Kommentar nicht freischalten, weil doch zu eindeutige Fake-Mail-Adresse. Wenn Du schon schon lobst, wieso dann ohne Namen und mit ner Fake-Mail-Addy? Ich erwarte keine Antwort
Ja, Weisheit kommt halt oft im Alter. Mit dieser Frau würd ich gern mal ein Bier trinken gehen
)
Recht hat sie, die Frau Huber! Danke für den Beitrag! #Piraten+
Klarmachen zum Ändern!
@Michael: um den Kommentar freigescaltet zu bekommen, in der Hoffnung, dass dadurch weitere Kommentare automatisch freigeschaltet werden – und die haben dann neben der Mailadresse freilich noch einen Link…
Hübsche Story, btw.
Immer wenn ich denke dass Frau Huber mich nicht noch sympathischer werden könnte, legt sie noch einen oben drauf.
Richten sie ihr die besten Besserungswünsche von mir aus!
Außerdem bin ich ja mal gespannt ob das Trainingscamp mit den lieben Kleinen den Fritzi nun sportlich erstmal auf Vordermann bringt.
Ja, da bin ich auch gespannt, aber der Fritzi hat ja auch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel
Mensch, ich hätte so lust mit ihr eine Walparty zu gestalten. Mit Zwetschgendatschi und allem was dazu gehört!
Ich hasse meine Tastatur… ich meine natürlich Wahlparty
Danke dafür!
Frau Huber ist klasse.
Full ACK!
Meine besten Wünsche an Frau Huber und gute Besserung.
#piraten+
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