…auf der Strasse spielen! Opa, hast Du das schon wieder vergessen?

Meine Enkelin wippt mit ihren Zöpfen. Sie sitzt auf meinem Schoß. Auf dem Schoß eines Erwachsenen zu sitzen ist für Kinder normalerweise nicht mehr erlaubt.

Heute ist Donnerstag, der 23.August 2046. Heute ist mein 80. Geburtstag.

Ich hab eine Ausnahme-Genehmigung zum “auf dem Schoß” sitzen erhalten. Eine sogenannte AG-KAZE (Ausnahmegenehmigung Körperliche Annäherung zu Enkeln). Die Ausnahme-Genehmigung ist nur zu bekommen, wenn keine Chance mehr auf Gewöhnung an den Kontakt besteht. Der Krebs ist fortgeschritten, ich habe nur noch ein paar Wochen, vier oder fünf maximal, sagen die Mediziner. Mit Arzneimitteln hätte ich noch locker 20-30 Jahre länger Zeit, aber ich bin nicht systemrelevant, im Gegenteil, ich bin ein Staatsfeind, ein Terrorist, ein Pädokrimineller.

2009 habe ich eine sogenannte E-Petition unterschrieben. Es war ein Fehler, aber das wusste ich damals noch nicht. Und die mehr als 130.000 Mitzeichner auch nicht. Die Listen, in denen man sich online eingetragen hatte, wurden gespeichert und ans Zensurministerium (damals noch geheim) geleitet. Dort schlummerten sie einige Jahre im Archiv, bis die gesamten Zensurstrukturen endgültig aufgebaut waren.

Anschliessend wurden wir alle eingesammelt, man umzäunte eine Stadt in den Ost-Bundesländern, wie die Verwaltungsbezirke damals noch hiessen und gab jedem von uns einen sogenannten Volksvertreter an die Seite. Ehemalige Mitglieder großer Kaderschmieden, nach der Auflösung der Parteien eingesetzt, um Versuche zu melden, wenn man sich mehr als notwendig vor den Futterautomaten rumtrieb, um ein paar Worte mit den anderen zu wechseln. Denn Reden miteinander war eigentlich auch nicht erlaubt. Aber sie konnten es nicht ganz verbieten. Man klapperte mit den Schaltern, wenn man die Speisen aus den Maschinen holte, man hustete sich Zeichen zu. Die Zeichen, mit denen man erfahren konnte, dass wieder einer den Absprung geschafft hatte. Den Absprung schaffen, das ist ein sehr befreiender Moment. Man durfte ein letztes Mal seine Verwandten sehen, meist man konnte uns nicht ganz abschalten, also schaltete man die Kontakte zu unseren Familien ab. Und wer kurz vor dem Absprung war, der bekam eine Ausnahme-Genehmigung, die AG-KAZE.

Die Tage verliefen alle gleich. Aufstehen, in die Kamera an der Decke Nummer sprechen, anschliessend Iris-Scan, Bestätigung abwarten, anschliessend Fingerscanner, Bestätigung abwarten, anschliessend audiovisuelle Beschallung mit den Zensurgesetzen, den Helden, die sie einführten und ihren glorreichen Erfolgen. Nachmittags Verpflegungsausgang und anschliessend wieder audiovisuelle Beschallung bis zur Sperrstunde. Dann fuhren die Rollos runter, die Infrarotsensoren wurden eingeschaltet und man durfte schlafen.

Heute ist das alles vergessen. Meine Enkelin wippt mit den Zöpfen, singt mir die Hymne der Behörden in allen Sprachen der Welt vor und betrachtet interessiert die Deckenkamera, die mit ihren Zöpfen mitzuwippen scheint. Hin und Her, sie amüsiert sich, sie kennt diese Welt nicht. Draussen, wo sie wohnt, sind die Kameras besser getarnt, in ihrer Puppe zum Beispiel, die sie nicht mitbringen durfte, weil die RFID-Chips in der Puppe von den Störsendern Schaden genommen hätten.

Plötzlich hört das Wippen der Zöpfe auf. Die Kamera an der Decke zoomt an uns heran. Das rote Blinken wird schneller.

“Opa?” Meine Enkelin dreht sich zu mir um. “Was ist eine E-Petition?”

Neben der Kamera klappen die Sprachverstärker auf.

“Eine E-Petition ist, vielmehr es war eine Möglichkeit, freigeistige Forderungen an den Staat zu formulieren. ”

“Was ist freigeistig?”

“Freigeistig ist, wenn man selbst entscheiden möchte, woher man seine Informationen bekommt.”

“Informationen über was?”

Die Kamera zoomt noch ein wenig näher, die Sprachverstärker fahren ebenfalls vor. Ich zögere.

“Ach Kind, das ist unwichtig, sollen wir ein bisschen draussen spielen gehen?”

“Opa…” sagt sie sichtlich enttäuscht, “Kinder dürfen doch nachmittags nicht auf der Strasse spielen! Opa, Hast Du das schon wieder vergessen?”

“Hab ich nicht Kleines, hab ich nicht” flüstere ich mit Tränen in den Augen.

Ich hatte immer gehofft, sie hätte vielleicht ein bisschen Freigeist geerbt. Aber wenn sie es denn hatte, haben sie es abgeschaltet. Einfach abgeschaltet, wie bei den anderen, bei all den anderen, die ernährt wurden und beschäftigt mit Gladiatoren-Kämpfen und Dauerberieselung auf dem Informations-Kanal, dem einen, den es jetzt nur noch gab. Wir hätten uns mehr wehren müssen damals, denke ich oft, aber wir waren zu wenige. Wir hatten die Chance auf Freiheit, auf Demokratie, aber wir haben sie geopfert für die Sicherheit. Die Sicherheit von wem eigentlich. Von uns oder von denen da oben?

33 Comments to “Kinder dürfen doch nachmittags nicht…”

  1. Moin Micha,

    Schon mal überlegt Drehbücher zu schreiben ? Dürfte reißenden Absatz finden.

    Bei diesem Bericht musste ich an den Film Gattaca denken…

    Viele Grüße,
    Stefan

  2. Krass aber denkbar :-/

  3. Monstropolis sagt:

    23. August 2046…

    Zukunftsvision von Michael Jäger
    ……

  4. Treknor sagt:

    weia … tja..ich glaube ja immernoch an die Menschen… aber irgendwie scheint das bedrückend real ..

  5. Michael sagt:

    warten wir 2046 ab, dann werden wir es erfahren

  6. Frank Gregor sagt:

    Liest sich ein bischen wie 1984 mit wabernden Bildern im Kopf, welche aus dem Werbespot von Apple stammen. Heißt ebenfalls 1984:

    http://www.youtube.com/watch?v=BxShzoUjiAQ

  7. Michael sagt:

    wir werden es erleben :-(

  8. stefan sagt:

    Autsch – auch nicht gut geschlafen heute Nacht?

    Auch wenn Du es ziemlich krass beschreibst, ein paar % China kommen da bestimmt noch auf uns zu.

  9. Michael sagt:

    ich war bis zum Morgengrauen wach, nach dem Marathon der E-Petition konnte ich nicht einschlafen

  10. [...] Abschluss noch ein schockierender Blick in eine Zukunft, die hoffentlich NIEMALS wahr wird! Und das hoffentlich auch nicht [...]

  11. kmsg sagt:

    Puh, mir läuft es kalt den Rücken herunter. Ein toller Text!

    Das Land braucht eine Revolution und ich glaube, Sie hat begonnen.

    kmsg

  12. [...] Kinder dürfen doch nachmittags nicht… – Kommentar: Achtung Satire! 16.6.09 Details des Kompromisses zum [...]

  13. soophie sagt:

    es macht einem Angst. Aber was soll ich tun? Ich versuche meine Stimme zu erheben, wie 130.000 andere. aber da es der politik eh nicht um uns geht können wir auch 260.000 sein. würde sich was ändern?

  14. [...] “Kinder dürfen doch nachmittags nicht… [...]

  15. Michael sagt:

    Wir dürfen nur nicht stillhalten, sondern unsere Stimme so laut erheben, dass es viele hören, immer wieder drüber sprechen, langsam, aber immer weiter. Steter Tropfen…

  16. [...] “Kinder dürfen doch nachmittags nicht…” (…auf der Strasse spielen! Opa, hast Du das schon wieder vergessen?) von Michael Jäger. [...]

  17. John Patrick Garth sagt:

    Heute ist Mittwoch der 17. Juni 2009.

    Das zentrale Organ der öffentlichen Meinungsmache auch bekannt als BILD Zeitung schreibt in seiner Rubrik Gewinner/Verlierer des Tages:

    “Sie kämpft mit Verve für den Schutz unserer Kinder: Familienministerin Ursula von der Leyen (50, CDU) forderte seit Langem ein Gesetz, das den Zugang zu Kinderporno-Seiten im Internet erschwert. Jetzt hat sich die Koalition auf einen Gesetzentwurf geeinigt. Geplant sind u. a. Stoppschilder, die vor einschlägigen Websites warnen.

    BILD meint: Frauenpower!”

    Hier noch mal in Kurzform Zensursula wird hier leyenhaft zum Gewinner des Tages gekürt.

    Irgendwie sind meine Synapsen vielleicht falsch verknüpft, aber wie kann man den Anfang vom Untergang der Demokratie als Gewinner feiern. Das ist ja schlimmer als wenn Deutschland im Finale der Fußball WM 2010 in Südafrika gegen Holland verliert und ganz Deutschland sich freut.

    Undenkbares Scenario? Da bin ich mir nachdem was hier in letzter Zeit passiert nicht mehr sicher.

    Bis vor ein paar Monaten hätte ich auch nicht gedacht, dass die Beschneidung der Meinungsfreiheit hier gefeiert wird wie die Auferstehung Jesu Christi.

    Ich möchte in der nächsten Zeit in der BILD Zeitung unter der Rubrik Verlierer des Tages folgenden Text lesen:

    Der Bundespräsident Horst Köhler outet sich als “Pädokrimineller” und zeigt wessen Geistes Kind er ist. Gestern verweigerte er seine Unterschrift für den Gesetzesentwurf der Großen Koalition, der umfassenden Schutz für missbrauchte Kinder vorsah. Das politische Berlin zeigte sich entsetzt. Mehrere Politiker fordern zu prüfen, ob man die Computer des Bundespräsedenten von Spezialisten auf verdächtige Dateien prüfen lassen kann.
    Die große Koalition einigte sich bereits jetzt darauf Ursula von der Leyen ins Rennen für die nächste Bundespräsidentenwahl zu schicken. Ihr vorbildliches Engagement zum Schutz der Kinder rechtfertige diese frühe Nominierung (womit sie wieder Gewinner des Tages ist).
    Doch zurück zum Verlierer:

    BILD meint: Horst, wohl ein Stopp-Schild überfahren.

    130.000 potentielle Pädokriminelle (auch bekannt als Unterzeichner der E-Petition) meinen: Horst, wir danken Dir.

    Wenn es so kommt hänge ich mir ein Poster von Horst Köhler ins Wohnzimmer. Oder ich fertige mir einen lebengroßen Pappaufsteller von Horst Köhler an.

    Alle anderen können sich das chinesische Staatsoberhaupt ins Wohnzimmer hängen und einen “Starschnitt” von Zensursula basteln. Ab heute 14 Tage lang jeweils ein Teil in der aktuellen BILD Zeitung (leyenhafter Sponsor von Ursula)

    Und Michael, in Anlehnung an den gestern gesehenen Film drehen wir ein Werk mit dem Namen “Der entsorgte Pädokriminelle”.

  18. Michael sagt:

    Lieber John Patrick,

    danke für Deine Zeilen.

    Auch ich bin sehr erbost, an einem Tag wie dem 17. Juni, der uns bisher in der Bundesrepublik als wichtiger Tag der Freiheit bekannt war.

    Es wird wieder Zeit aufzustehen und den Herrschenden zu sagen. Ihr habt ein Mandat von uns und wir können Euch auch abwählen, wenn Ihr uns nicht mehr passt.

  19. Wingi sagt:

    Tja, warum nur Wahlfälschung im OST-Block oder Iran? Wenn es um Geld/Macht geht …

  20. [...] wunderschönen (und auch sehr traurigen) Artikel fand ich eben bei Michael Jäger. Er beschreibt, wie sein Leben mit 80 sein wird – wenn er als ehemaliger [...]

  21. [...] wäre zunächst einmal der Schauspieler Michael Jäger, der nicht nur eine Zukunftsvision beschreibt die George Orwells Kopf entsprungen sein könnte, sondern auch immer wieder interessante [...]

  22. [...] Dieser Text von Michael Jäger schafft es tatsächlich, mich zu deprimieren und dazu braucht es schon einiges. [...]

  23. Michael sagt:

    Wir haben es in der Hand, uns von den analogen Generationen und Lobbyisten die Zukunft nicht nehmen zu lassen

  24. [...] spielte mir folgenden Link zu (oder hätte ich Deinen Namen in diesem Zusammenhang lieber nicht nennen sollen, [...]

  25. [...] Kinder dürfen doch nachmittags nicht… | Michael Jäger [...]

  26. [...] führen könnte hat Michael Jäger in seinen Zukunftsvisionen niedergeschriebe. Einblicke in sein Leben mit als Opa von 80 Jahren. Sehr lesenswehrt fällt mir dazu nur ein. Es ist an der Zeit den Gesunden Menschenverstand [...]

  27. [...] Zukunftsvision von Michael Jäger Kommentar abgeben | Trackback Keine Kommentare [...]

  28. Alexander sagt:

    Hallo,
    Michael Jägers Seite ist toll.
    So viele Kinderrechte finde ich toll,
    denn ich brauch die Kinderrechte für Deutsch.
    Denn ich nehme das Theme ,,Kinderrechte“ gerade durch.

    Vielen Dank

  29. Hanna Lara sagt:

    Ich hasse sieeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeee!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!

    Verückter sie sie sie

  30. Michael sagt:

    Naja, junger Mann, ich gehe davon aus, dass Du noch ein sehr junger Mann bist: Diese Geschichte ist erfunden und wird so hoffentlich nicht passieren

  31. Michael sagt:

    Liebe Schwester von Alexander, ich vermute mal, dass Du die Schwester bist. Verrückt sind diejenigen, die in der Regierung so etwas zulassen könnten, diese Leute sind hassenswert. Alles Liebe, Michael

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